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Gestrandet am Bürgersteig

 

 

Von Maria Engel und Philipp Kurbel

Münchens Lampedusa ist ein aschfarbener Plattenbau. Hier entscheidet das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge jeden Tag über die Zukunft von Asylsuchenden. Vor der Anhörung drinnen kommt das Warten draußen. Beobachtungen vor einem Schicksalsort.

Der Platz vor dem Bundesamt ist Warteraum. Hier lehnen die Asylbewerber an parkenden Autos. Hier rauchen sie. Vergleichen zerknitterte Unterlagen. Es ist acht Uhr morgens. Durch das Fenster im Erdgeschoss sieht man Sicherheitsangestellte in blauer Uniform die Daten der ersten Asylsuchenden aufnehmen.

Ali wartet noch draußen. Er sitzt auf einem niedrigen Blechsims vor der Einfahrt zur Tiefgarage der Außenstelle München des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge. Auf seinem T-Shirt formen glitzernde Pailletten einen bunten Totenkopf. Dazu trägt er eine neonblaue Hose. Er lächelt und bietet Filter und Zigarettenpapier an. Nein, danke. Leider Nichtraucher. Er selbst rauche auch nicht – vielleicht will er das mit seinem Kopfschütteln sagen. Aber warum hat er dann Filter und Zigarettenpapier in der Hand? Ali spricht kaum Englisch. Noch gut fünf Stunden bis zu seiner Anhörung. So lange muss er warten? Er nickt und lächelt.

Ali ist einer von knapp dreißig Flüchtlingen, die vor dem Amt warten. Ihre Koffer und Reisetaschen stehen ordentlich zu kleinen Inseln zusammengedrängt im Eingangsbereich, auf dem Bürgersteig und an der Einfahrt zur Mitarbeiter-Tiefgarage. Aus einer Plastiktüte ragt das Gesicht einer gelockten Stoffpuppe.

Ali schaut auf die Uhr. Sie baumelt lose an seinem Handgelenk. Zehn Minuten später steht er auf und geht hinein. Woher die Unruhe? Er versteht die Frage nicht. Drinnen ist kaum noch ein Platz frei. Stühle sind in mehreren Reihen aufgestellt. Alle schauen gebannt nach vorne. Ist das der erste Deutschunterricht? Bekommen die Asylsuchenden hier gesagt, wie es weitergeht? Aber da ist nur ein kleiner Fernseher. Wiederholung Greuther Fürth gegen Kaiserslautern.

Der Platz vor dem Bundesamt ist Transitbereich. Hier müssen sie alle einmal vorbei. Hier kommen sie an, hier beantragen sie ihr Asyl, hier fällt die Entscheidung über ihr weiteres Schicksal. Hier müssen sie sich einfinden, wenn ihnen das Foto vor dem blauen Tuch noch bevorsteht, Name, Herkunft, Alter, Fluchtgrund. Hierher kommen sie wieder, wenn sie auf eine Anhörung hoffen. Hier entscheidet sich, wohin sie weiterziehen, ob sie bleiben dürfen.

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Asylsuchende vor der Außenstelle des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge, München

 

Ein Bus hält auf der anderen Straßenseite. Gehörte er zum öffentlichen Nahverkehr, so hätte man ihn vor einigen Jahren ausgemustert. Er schüttet Menschen auf den Bürgersteig vor dem Bundesamt, den Asphaltstrand von Münchens Lampedusa. Die Neuen mischen sich unter die anderen Wartenden.

Manche von ihnen wohnen im Asylbewerberheim um die Ecke. Ali ist einer von ihnen. Bis zur Anhörung sind es noch immer drei Stunden. Ali pendelt. Heim, Bundesamt, Vorplatz, Heim, Straße, Bundesamt, Heim. Vor dem Hoftor im Halteverbot parkt ein nachtblaues Auto. Es ist ein Aston Martin. Gegenüber hat ein Golf-Outlet verschiedene Schläger-Sets im Angebot.

Ali hat wieder an der Einfahrt Platz genommen und unterhält sich mit anderen. Einfahrt, das gilt nicht für Asylsuchende wie ihn. Einfahrt gilt für einen Münchner Kombi. Ein Hupen, ein Wink an die Kollegen von der Datenaufnahme genügt, um die Schranke zu öffnen. Dann ist der Kombi verschwunden. Ali bleibt. Das Warten geht weiter.

Eigentlich kommt Ali aus Pakistan. Was sein Beruf ist? „Toilets“, sagt Ali. Er hebt den Arm und versucht mit seinen Händen etwas zu erklären. Ist er Monteur? „No, hotel”, sagt er. Ach so, er putzt im Hotel? Jetzt wirkt Ali verwirrt. Ahnung, dass er nicht putzt. War da das Vorurteil der Vater des Gedanken? Schweigen auf beiden Seiten, aber er lächelt.

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Fotos: Maria Engel (2)