FacebookTwitter

Unsere Angst vor den Fremden

Share On GoogleShare On FacebookShare On Twitter

 

 

Von Elisabeth Muche

Fremdenfeindlichkeit ist ein Reflex, um uns selbst zu schützen. Das zeigen psychologische Experimente. Wir sind alle Rassisten – ohne es zu wissen.

Rostock-Lichtenhagen, 1992. „Deutschland den Deutschen – Ausländer raus“, hallt es durch die Plattenbausiedlung. Jugendliche werfen Molotow-Cocktails, das Asylbewerberheim brennt, die Menge applaudiert. Die Bilder haben sich in das deutsche Gedächtnis eingebrannt, und mit ihnen die Stimmen von der Straße: „Solange es mir nicht besser geht, soll es denen auch nicht besser gehen.“ „Die haben ja gar keine Kultur.“ „Raus mit denen, in den Wald, nur raus.“


Leipzig-Wahren, 2012. 20 Jahre später, wieder Ostdeutschland, wieder eine graue Wohnsiedlung, wieder der Durchschnittsbürger auf der Straße. Die Stadt Leipzig will zukünftig die Asylbewerber in Wohnhäuser im Stadtgebiet verteilen. Damit provoziert sie die alten Sätze.  „Der soziale Frieden ist gefährdet.“ „Wir haben Angst.“ „Die passen nicht hierher.”

In Rostock waren schnell Erklärungen gefunden: Das Heim überfüllt, die Polizei im Urlaub, die Nazis unter sich – und die Ostdeutschen noch nicht in der Demokratie angekommen. Eine prekäre Situation und Menschen, auf die wir mit dem Finger zeigen können. Zu dem pöbelnden Mob in Leipzig können wir uns nicht so leicht distanzieren. Neonazis sind weit und breit nicht zu sehen und Ostdeutschland gilt mittlerweile als westeuropäisch. So sickert die Erkenntnis durch: Rassisten sind nicht immer die anderen.

Nach einer Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung meint jeder Dritte, die Bundesrepublik sei in gefährlichem Maß überfremdet.  Diese Leute fühlen sich bedroht. Von Menschen, die sie nicht kennen, aus Ländern, über die sie nichts wissen.

Für Psychologen gibt es zwei Erklärungen für diese Angst vor Fremden. Zum einen nehmen wir unsere soziale Umwelt verzerrt wahr. Zum anderen wollen wir sie verzerrt wahrnehmen. Dabei folgt der Mensch zwei grundlegenden Prinzipien: Er hat es gern einfach und er hat sich einfach gern.

 

Der Mensch hat es gern einfach

 

„Neulich traf ich meinen alten Bekannten Frank“, erzählt Donald. „Da wir zufällig gleichzeitig Urlaub genommen hatten, beschloss ich, ihn zu besuchen.“ So beginnt ein Klassiker der Sozialpsychologie: ein belangloser Bericht, der vor allem einen Zweck hat: Er sagt nichts über Donalds Charakter aus.

Die amerikanische Forscherin Patricia Devine legte den Text 1989 ihren Probanden vor und fragte sie: „Wie ist Donald?“ Vorher ließ sie Wörter wie Neger, schwarz oder Jazz so kurz auf dem Bildschirm aufblitzen, dass ein Mensch sie nicht bewusst wahrnehmen kann. Trotzdem zeigte sich ein Effekt. Die Probanden verbanden Donald sofort mit einem Afroamerikaner und schätzten ihn anschließend als feindselig ein – eine Eigenschaft, die sich nicht aus Donalds Geschichte erschließt, aber ins Bild passt.

Wir ordnen unsere Welt in Stereotypen, ob wir wollen oder nicht. Sie bündeln unser Wissen über soziale Gruppen. Die Eigenschaften, die wir mit dem Stereotypen verbinden, sind in unserem Kopf angeordnet wie Dominosteine. Wird ein Stein angestoßen, fallen alle anderen. Sehen wir einen Afroamerikaner, meinen wir, nicht nur seine Hautfarbe zu kennen: Er ist musikalisch, sicherlich arm und potentiell gefährlich. Denken die Leipziger an ihren zukünftigen Nachbarn, ist das nicht nur ein Flüchtling, sondern ein unreinlicher, gewaltsamer Drogen-Junkie, der „den sozialen Frieden gefährdet“, wie ein Anwohner fürchtet.

Diese Bilder im Kopf helfen uns, uns in unserer sozialen Umwelt zu Recht zu finden. Wir reduzieren Informationen, sortieren unsere Erfahrungen in Schubladen, um Energie zu sparen und schnell reagieren zu können. Deshalb aktiviert das Gehirn Stereotype unbewusst und  unkontrolliert. Ob wir danach handeln, hängt vor allem davon ab, ob wir uns unsere vorschnellen Urteile bewusst machen.

 

Der Mensch hat sich einfach gern

 

Uns selbst in ein positives Licht zu rücken, gibt uns Sicherheit und bewahrt uns vor Depressionen – ein Schutzreflex der menschlichen Psyche. Doch oft reicht es uns nicht, gut zu sein, wir wollen vor allem besser sein als andere  – und das funktioniert am besten in Gruppen.

In den Fünfzigerjahren des letzten Jahrhunderts schickte Sozialpsychologe Muzzafer Sherif in den USA zwölfjährige Jungen in das Ferienlager „Robbers Cave“. Dort teilte er die Kinder in zwei Gruppen und lobte einen sportlichen Wettbewerb aus: Baseball, Tauziehen, Zimmerkontrolle. Nur eine der Gruppen konnte den Preis gewinnen – ein klassischer Ressourcenkonflikt. Schnell kochte die Stimmung hoch, die Kinder gingen sich aus dem Weg und zündeten die Flaggen des verfeindeten Lagers an.

Die Ressourcen, um die Erwachsene streiten, sind die Arbeitsplätze, die uns die Ausländer wegnehmen, oder die Kosten, die Asylbewerber verursachen. Es herrscht die Angst, dass weniger übrig bleibt, wenn der andere auch etwas abbekommt:  „Solange es mir nicht besser geht, soll es denen auch nicht besser gehen“, das haben die Menschen in Lichtenhagen gerufen. Aber diese Argumente halten keinem Faktencheck stand.

Häufig sind es keine materiellen Ressourcen, um die sich verfeindete Gruppen streiten. Sozialforscher gehen heute davon aus, dass die symbolische Bedrohung von Fremden sehr viel schwerer wiegt. Ausländer gefährden unser Wertesystem. „Die passen nicht hierher“ – nicht alle sprechen das aus, aber das Gefühl kennen viele.

 

Der Mensch braucht den anderen

 

Um die Auseinandersetzungen zu beenden, rief Sherif seine Jungs zusammen und gab ihnen eine gemeinsame Aufgabe: den Laster mit der Essenslieferung aus einem Schlammloch zu ziehen. Mit dem Ziel vor Augen rauften sich die Kinder zusammen. Auf der Heimfahrt von Robbers Cave kaufte die Siegergruppe den Verlierern Limonade.
In Leipzig geht es um mehr als Limo. Der Stadtrat hat die Dezentralisierung des Asylheimes beschlossen, seinen Bürgern eine Aufgabe gestellt: Die Ausländer in der Mitte der Gesellschaft aufzunehmen.
Auch wenn es uns fordert und unser Weltbild in Frage stellt: Der Aufwand lohnt sich.

 

>> Zur Startseite