FacebookTwitter

Mit dem Zweiten auf der Flucht

 

 

Peinlich oder pädagogisch wertvoll? ZDF-Neo macht aus Flüchtlingsdramen eine Dokusoap. Nach der Premiere hagelt es heftige Kritik, doch auch Befürworter formieren sich. Sechs Protagonisten, einige von ihnen Prominente, schlüpfen bei “Auf der Flucht” in die Rolle von Asylbewerbern. In umgekehrter Reihenfolge bereisen sie typische Flüchtlingsrouten. Eine Gruppe, die Schauspielergattin Mirja du Mont, das frühere NPD-Mitglied Kevin Müller und die türkische Sozialarbeiterin Songül Cetinkaya, machen sich via Italien auf den Weg nach Eritrea. Stephan Weidner, Ex-Bassist der Böhsen Onkelz, die Bloggerin Katrin Weiland und der Ex-Bundswehsoldat Johannes Clair reisen über Griechenland in den Irak.

 

Soll „Auf der Flucht“ abgesetzt werden?

 

JA2

 

sagt Pia Dyckmans:

Sechs Menschen laufen über ein Rollfeld auf die Kamera zu und ziehen Trollis hinter sich her. Eine Stimme aus dem Off sagt: “Sechs Deutsche auf einer Reise ins Ungewisse.” Dazu Pauken und Geigen. Willkommen beim Flüchtlingscamp. Nicht auf RTL. Sondern beim ZDF. Nicht direkt beim “großen”, so mutig waren die Verantwortlichen zu Anfang nicht. Sie versuchen lieber erst die Premiere beim öffentlich-rechtlichen Spaßlabor Neo.

Die sechs sollen Flüchtlinge auf Zeit werden. Unter ihnen: Mirja du Mont – besser bekannt als die Ehefrau von Sky du Mont – zum Beispiel. Sie gehört zum Team Afrika. Sie sagt, sie freue sich auf Afrika. Dazu Ex-Nazi Kevin und Streetworkerin Songül Cetinkaya. Sie, so sieht es das Drehbuch vor, sollen auf Samuel aus Eritrea treffen. Der Zuschauer wird im Wohnzimmer der Familie Zeuge von Sätzen wie diesem: “Ich war freier Nationalist nach meinem NPD-Ausstieg”. Ähnlich geistreich verläuft auch das restliche Gespräch. Später hört der Zuschauer Kevin dann zu seinem Gastgeber aus Eritrea sagen: “Die NPD war mir zu demokratisch, ich wollte radikaler sein.” Spätestens jetzt ist das Fremdschämen so schlimm, dass jeder umschalten würde, der nicht durch jahrzehntelangen Konsum von Trash-TV komplett abgehärtet ist.

Aber das Schauspiel geht weiter. Bedrohliche Musik. Entnervte Gesichter. Songül Cetinkaya, die Streetworkerin mit türkischen Wurzeln, sagt zu Kevin: “Die Gewalt, die Du in Deiner Nazizeit legitimiert hast, soll tausendfach auf Dich zurückkommen.” Um Samuel und seine Flucht geht es schon länger nicht mehr. Dafür absurde Geschichten aus dem absurden Leben der absurden TV-Show-Flüchtlinge. Grotesk. Das ZDF versucht die Szenen mit harten Fakten und schnell geschnittenen Nachrichtenbildern zu retten. Doch deren Aussagekraft verliert kolossal an Wirkung neben dramatisierten und emotional aufgeladenen Szenen mit den “Flüchtlingen auf Zeit”.

Was will das ZDF dem Zuschauer sagen? “Ein Experiment” soll die neue Doku-Sendung sein. Nach einer Abenteuerreise ins Trash-TV sieht es aus. Entsprechend sind die Reaktionen beim Publikum. Im Netz organisiert sich Widerstand. Viele User auf Facebook finden die Show rassistisch. 27.000 haben binnen sieben Tagen eine Onlinepetition unterschrieben, die ZDF-Intendant Thomas Bellut auffordert, die Dokusoap sofort abzusetzen. Bleibt zu hoffen, dass die Petition Erfolg hat. Am besten: sofort.

 

NEIN2

 

sagt Benedikt Peters:

“Auf der Flucht” ist eine reißerische, voyeuristische Realsoap – und darf auf keinen Fall abgesetzt werden. Man kann an “Auf der Flucht” vieles peinlich, gar geschmacklos finden. Die Plattitüden von Schauspielergattin Mirja du Mont etwa oder den Auftritt von Ex-Neonazi Kevin Müller, der auf der Pferdekoppel über seine schwere Kindheit jammert und dazu reuevoll Ponys streichelt. 27.000 selbsternannte Bildungshüter finden das gar so geschmacklos, dass sie die sofortige Absetzung der Sendung “Auf der Flucht” fordern. Ihr Argument: Das öffentlich-rechtliche ZDF verletze mit dem dramatischen Dokusoap-Format seinen Bildungsauftrag.

Was diese Kritiker verkennen: Der öffentlich-rechtliche Bildungsauftrag ist nicht nur für Bildungsbürger da. Gerade mit “Auf der Flucht” wird das ZDF diesem Auftrag gerecht. Die emotionale Musik, Kevins Nazigeschichte, Mirja Dumonts Weinkrämpfe, als sie merkt, dass es Flüchtlingen in Lagern dreckig geht: Sie sorgen für die Dramatik, die notwendig ist, um Zuschauer zu gewinnen, die sonst bei der privaten Konkurrenz “Frauentausch” oder “Berlin – Tag und Nacht” gucken.

Wie viele Menschen weltweit auf der Flucht sind, dass viele von ihnen auf der Flucht verrecken und unter welch jämmerlichen Bedingungen sie in Deutschland hausen müssen, all das erfährt der Zuschauer hier. Bildungsbürger mögen das alles längst wissen, viele RTL-2-Zuschauer aber nicht. Der Versuch, diesem Publikum das Elend der Flüchtlinge nahezubringen, ist lobenswert. Denn wer dauerhaft die Lage der Flüchtlinge verbessern will, muss mehr Menschen erreichen können, als es herkömmliche öffentlich-rechtliche Dokumentationen vermögen. Das kann gelingen: “Auf der Flucht” soll nach der Premiere beim Nischensender Neo auch im “großen” ZDF laufen. Das ist eine gute Entscheidung.

Lexikon: Wie Asylant zum Unwort wurde

 

>> Zur Startseite

 

 

Foto: ZDF/Jonas Dress