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Hamids Weg

 

 

Von André Cloppenburg und Andreas Spengler

Die Geschichte von Hamid ist erfunden. So wie in Europa jeden Tag Geschichten erfunden, Pässe gefälscht und Identitäten verschleiert werden. Seine Reise ist gefährlicher als sein Leben in Afghanistan. Wenn Hamid es schafft, scheitert er an der Festung Europa? Der Weg ins deutsche Asyl – ein Erklärstück.

 

Flucht Asyl

1. Station | Flucht

 

23. März 2013

Der LKW von Griechenland nach Deutschland ist seit 15 Stunden unterwegs. Vorne im Fahrerhaus sitzen die Schleuser. Hinten im LKW-Anhänger kauern dutzende Flüchtlinge aus Iran, Syrien und Afghanistan. Männer, Frauen, Kinder. Jeder hat seine eigene Geschichte, sein eigenes Schicksal.

Hamid ist einer von ihnen. Bei Izmir an der türkischen Westküste steigen die Flüchtlinge in ein viel zu kleines Boot. An der griechischen Küste warten schon die Schleuser. Seitdem sitzt er in diesem LKW. In seiner Heimat Afghanistan wüten Islamisten, Dörfer brennen, Bomben gehen nieder. Hamid muss fliehen, von Afghanistan bis in die Türkei. Das Ziel: München.

 

Ankunft Deutschland

 

2. Station | Ankunft

 

25. März 2013

Hamid kommt in Deutschland an. Er hat keine Papiere bei sich. Bei jeder Polizeikontrolle kann auffliegen, dass er ohne Aufenthaltserlaubnis in Deutschland ist. Dann könnte er verdächtigt werden, seine Einreise geheim halten zu wollen, etwa um schwarz zu arbeiten. Ein Antrag auf Asyl wäre damit aussichtslos. Deshalb muss sich Hamid so schnell wie möglich bei einer Polizeidienststelle oder Ausländerbörde melden. Die muss er in der fremden Stadt aber erst einmal finden. Hamid spricht kein Wort Deutsch.

 

26. März 2013

Auf der Polizeiwache muss er sich mit seinen Daten registrieren. Dazu werden auch seine Fingerabdrücke genommen, die in einer europaweiten Datenbank gespeichert werden. Damit wird sichergestellt, dass Hamid nicht schon einen anderen Asylantrag in Deutschland oder einem anderen EU-Land gestellt hat. Seinen Antrag auf Asyl kann Hamid nur beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge stellen.

In jedem Bundesland gibt es eine Außenstelle der Behörde. Die Politik hat genau festgelegt, wie viele Asylbewerber in einem Bundesland gemeldet sein dürfen. In Bremen werden nur ein Prozent der Fälle bearbeitet, jeder fünfte Asylbewerber muss sich dagegen in Nordrhein-Westfalen melden.

 

Aus welchen zehn Ländern die meisten Asylsuchenden nach Deutschland kommen

 

 

27. März 2013

Hamids Fall wird in München bearbeitet. Er stellt offiziell seinen Asylantrag. Zuerst prüft das Bundesamt, ob Deutschland für die Bearbeitung von Hamids Asylantrag überhaupt zuständig ist. Die Entscheidung darüber wurde von der Europäischen Union in der so genannten „Dublin-II-Verordnung“ aus dem Jahr 2003 genau festgelegt: Demnach ist nur jenes Land zuständig, das der Flüchtling bei seiner Einreise in die EU zuerst betreten hat.

Normalerweise wäre die Sache damit eindeutig: Hamid ist über Griechenland eingereist und muss Deutschland unverzüglich verlassen, die anstrengende Reise nach Deutschland war vergebens. Doch die Wirtschaftskrise in vielen südeuropäischen Ländern stellt auch die europäische Asylpolitik auf den Kopf: Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte urteilte im Januar 2011, die Lebensbedingungen für Asylbewerber seien in Griechenland „erniedrigend und unmenschlich“. Seitdem ist die „Dublin-Verordnung“ in Griechenland ausgesetzt. Über Hamids Asylantrag müssen damit die deutschen Behörden entscheiden.

Asyl Bescheid

3. Station | Anerkennung

 

2. April 2013

Die inhaltliche Prüfung des Asylantrags beginnt. Hamid zieht in ein Asylbewerberheim in München. Dort sind sieben Quadratmeter pro Person Standard, vor 2010 waren es sogar nur rund 3,5 Quadratmeter. Für maximal drei Monate wird das Asylbewerberheim Hamids neues Zuhause. Anschließend wird er an eine kommunale Ausländerbehörde vermittelt. Sie versorgt die Flüchtlinge bis zum Ende des Asylverfahrens. Die Flüchtlinge müssen sich an strenge Regeln halten. Für alle gilt die Residenzpflicht. Das heißt für Hamid: Er darf Bayern nicht verlassen.

 

24. Mai 2013

Für Hamid steht der alles entscheidende Termin auf dem Kalender: die Anhörung. Dabei muss er dem Bundesamt im persönlichen Gespräch Fragen über sich und seine Flucht beantworten. Die so genannten Entscheider kontrollieren, ob Hamids Geschichte realistisch ist und ob er relevante Gründe für seine Flucht vortragen kann. Sie wollen außerdem wissen, ob er seine Behauptungen beweisen kann. Zunächst beantwortet Hamid einen Fragebogen zur Situation in seinem Heimatland, zu seiner Ausbildung und Familie. Dann erläutert er in eigenen Worten die Gründe für seine Flucht. Damit er alles versteht, übersetzt ein Dolmetscher für ihn.


Quelle: Bundesamt für Migration und Flüchtlinge – Aktuelle zahlen zu Asyl Juni 2013

7. August 2013

Die Entscheidung über Hamids Asylantrag fällt. Das Bundesamt erkennt seine „begründete Furcht vor politischer Verfolgung“ an und gewährt ihm Flüchtlingsschutz.

Im Jahr 2012 baten 7498 Flüchtlinge aus Afghanistan in Deutschland um Asyl. Nur in 39 Prozent der Fälle wurde ein Schutzstatus ausgesprochen. Hamid hat Glück: Wenn er aus Serbien geflohen wäre, hätte sein Antrag in Deutschland viel geringere Chancen gehabt. Von den 8477 Antragstellern aus dem Balkanland wurden im vergangenen Jahr nur drei Menschen oder 0,2 Prozent der Flüchtlingsstatus zugesprochen.

Hamid darf die nächsten drei Jahre in Deutschland leben und ein neues Leben beginnen. Danach wird sein Antrag automatisch nochmal geprüft und neu entschieden.

 

Welche Wege gibt es für Asylbewerber? Ein Überblick über das Asylverfahren

Übersicht Asylverfahren

 

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Visualisierung & Daten: Thomas Gröbner (2) /Andreas Spengler (1)
Illustration: Maximilian Winkel (3)